Wo die Buchhalterin zur Prostituierten wird
Alles bloß ein Schauspiel: bei den Deutschen Amateurtheatertagen landet eine brave Bürgerin freiwillig in der Gosse
SINDELFINGEN. Tagsüber sind sie Lehrer, Informatiker oder Auszubildende, abends Julia, Othello oder ein Mann im Frack. Was treibt Amateurschauspieler um? Die dritten Deutschen Amateurtheatertage in Sindelfingen und Böblingen sind prädesti­niert, um nach Antworten zu suchen.
Petra Mostbacher-Dix
„So ein Mist, jetzt bin ich dran! Hallo, meine Herren, die Sitte ist hinter mir her, können Sie mich verstecken? Letztes Mal hat mich einer gerettet, er gab mich als seine Verlobte aus. Das war ein richtiger Gentleman, aber wenn ich mir Sie so anschaue... na ja." Zweifelsohne, die Frau mit der roten Mähne weiß, wie sie die Männer herumkriegt. Hoch­hackige Schuhe, Netzstrümpfe, knallenges Mi­nikleidchen, dazu ein ausladender Hüft­schwung und ein Hilfeschrei - das überzeugt die Herren der Schöpfung. Einer der beiden angesprochenen Straßenkehrer rettet sie und sich nur zu gerne in die Horizontale: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch."
Szenen eines deutschen Rotlichtviertels? Weit gefehlt! Die Szenen spielen sich auf der Bühne des Sindelfinger Theaterkellers ab. Die Sindelfinger Schaubühne gibt dort zum Auf­takt der dritten Deutschen Amateurtheater­tage, bei denen sich noch bis Sonntag in Böblingen und Sindelfingen elf Laiengruppen messen, die Farce „Der Nackte und der Mann im Frack" des italienischen Literaturnobel­preisträgers Dario Fo. Die Rolle des leichten Mädchens ist die einzige weibliche im Stück, gespielt wird sie von Gisela Samesch. „Ich habe noch nie eine Prostituierte gegeben", erzählt die Böblingerin. „Das war eine neue Erfahrung, die Körpersprache, da musste ich mich auch erst einmal eingewöhnen."
Im Süden blühen die Bühnen
Im täglichen Leben geht es bei Gisela Samesch weniger um nackte Tatsachen denn um nackte Zahlen. Als selbstständige Bilanz­buchhalterin ist sie für Löhne und Gehälter zuständig. In ihrer Freizeit spielt sie bereits seit 22 Jahren Theater. „Ich hatte einfach Lust, neben meinem eher trockenen Job et­was Kreatives zu machen, irgendwie hat es mich schon immer auf die Bühne gezogen", so Samesch. „Da habe ich mal bei der Sindel­finger Schaubühne zugeschaut. Beim nächs-
ten Stück war ich bereits dabei." Im Musical „Kind im Zauberland" hatte sie - ohne Angst, aber mit Lampenfieber - im doppelten Sinn ihre Feuertaufe. Zum ersten Mal überhaupt auf der Bühne spielte sie in dem von Maurice Ravel vertonten Märchen gleich drei Rollen: das Feuer, den Frosch und das Zahlenmänn­chen. Die Folge: Samesch war wie viele andere vom Theatervirus befallen.
Laut Andreas Salemi, Geschäftsführer des Bunds Deutscher Amateurtheater (BDAT) in Heidenheim, sind es derzeit fast 70 000 Deut­sche, die an Laientheatern schauspielern, Re­gie führen, das Bühnenbild entwerfen oder die Technik betreuen. Tendenz steigend. „Es treten natürlich auch Leute aus, aber derzeit haben wir einen Zuwachs in unserem Ver­band von etwa 70 Gruppen pro Jahr. Bundes­weit sind bei uns rund 2100 Gruppen Mitglie­der." Etwa die Hälfte davon findet man in Süddeutschland. Allein Baden-Württemberg und Bayern zählen jeweils etwa 600 Amateur­theater in ihren Landesverbänden. Ist man im Süden spielfreudiger? „Das kann ich nicht sagen", sagt Salemi. „Vielleicht gründet man im Süden schneller Vereine."
Doch auch nördlich des Mains entdeck­ten mehr und mehr Menschen Theaterspie-
len als Hobby, meint Franz-Josef Witting, Vorsitzender des Landesverbands Amateur­theater Nordrhein-Westfalen und Vizepräsi­dent des BDAT. „Mit dem Aufkommen des Fernsehens in den 50er Jahren hatten wir rückläufige Zahlen. Aber das ist längst an­ders. Heute will man wieder selbst kreativ sein. Es gibt auch mehr Schultheater."
Der BDAT, der dieses Jahr den 111. Ge­burtstag feiert, vertritt die Interessen seiner Mitglieder gegenüber privaten und öffentli­chen Institutionen, offeriert Vergünstigungen bei den nötigen Unfall- und Haftpflichtversi­cherungen oder bezuschusst Projekte wie nationale oder internationale Festivals. Ne­ben den Deutschen Amateurtheatertagen, die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfin­den, wurden von der Verbandsführung die „Europäischen Amateurtheatertage in Rudolstadt", die „Theatertage Europäischer Kultu­ren in Paderborn" oder die „Deutsch-französi­schen Jugendbegegnungen" initiiert, bei de­nen es ums Spielen und um den Kulturaus­tausch geht.
Interessant für die Mitglieder seien auch die Fortbildungen des BDAT, erzählt Doro­thea Meert, die das Dario-Fo-Stück in Szene setzt. „Ich habe in allen Bereichen von Schau-
spielerei über Kostümbild und Maske bis hin zu Licht und Regie schon Kurse besucht. Jeder hat mir etwas gebracht!"
Das bestätigt Gisela Samesch. „Wir sind ja keine Profis", sagt sie. „Man muss sich die verschiedenen Spieltechniken aneignen." Über die Jahre habe sie nach und nach gelernt, wie man sich eine Rolle erarbeitet, erzählt die 45-Jährige. „Am Anfang habe ich nur den Text gelernt. Heute schreibe ich mir den Lebenslauf der Person auf, versuche detailliert die Psychologie nachzuvollziehen, etwa, warum jemand in der Gosse gelandet ist oder zur Prostituierten wird."
Amateur sein bedeutet lieben
Bei der Rollenauswahl geht es der Ama­teurin nicht anders wie vielen Profis: Vor allem die komplexen Charaktere reizen sie. Besonders spannend fand Gisela Samesch den Part der Elisabeth in Arthur Millers Hexenjagd. „Das war schon eine Herausforde­rung, gerade in der Szene, in der ihr Mann aufgehängt wird. Sie hat kleine Kinder, und auch auf sie wartet der Galgen! Ihr Urteil ist nur aufgeschoben, weil sie schwanger ist." Hilfreich bei solchen Parts sind die Kollegen im Ensemble. Wenn jemand emotional mit­gehe, dann könne man sich richtig fallen lassen. „In einem Agatha-Christie-Stück wusste ich, dass mein Gegenüber mich um­bringen würde. Er spielte wirklich bedroh­lich, so dass meine Angst absolut echt war."
Derlei authentisches Spiel erfordert viel Probenarbeit. Vor Premieren trifft sich das Schaubühnenensemble täglich. Dadurch hängt bei manchen der Familiensegen schief, wie die Regisseurin Meert berichtet. Oft aller­dings hat der Theatervirus auch den Partner befallen. Ihr Mann, Armand Meert, ist längst bei der Schaubühne, spielt, arbeitet am Büh­nenbild und vieles mehr. Überhaupt gehört Zupacken bei den Amateurtheaterleuten zum Repertoire. Gemeinsam werde auf- und abge­baut, werden Kostüme geschneidert, Gesich­ter geschminkt. Das geht nicht ohne Leiden­schaft. „Amateur kommt von lateinisch ,amare' - lieben", sagt Gisela Samesch.
Dass das Theater längst mehr als ein Drittel ihrer Zeit einnimmt, stört daher nicht. „Ich würde gerne mehr spielen, aber das geht nicht, wenn man berufstätig ist." Was sagt ihr Mann? „Der kennt das, er ist Musiker." Reinhard Samesch hat die Musik zu „Der Nackte und der Mann im Frack" geschrieben.
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Rollen tausch: Gisela Samesch bereitet sich auf ihren grellen Auftritt vor.             Foto Weise/factum