Kultur Lokal - SZ/BZ vom 7. Juni 1997

Sindelfingen: Dorothea Meert hat für die "Schaubühne" einen Fundus mit über 500 Kostümen

Keller-Klamotten für König und Clown


Von unserem Mitarbeiter Ulrich Holthausen


Für den Zuschauer sind sie so selbstverständlich, er sieht sie kaum noch und schon gar nicht als Teil der Inszenierung: des Darstellers fremde Kleider. Dabei lieben die Schauspieler ihre Verkleidung, das Verhältnis zum Kostüm ist innig.

Doch der Stoff, aus dem die Spielträume sind, ist meist gar nicht so leicht zu beschaffen, wie er später dann auf der Bühne spielerisch getragen wird. Wohl jede kleinere Bühne, jedes Theaterensemble, jede auch schon halbprofessionelle Spieltruppe wäre da sicherlich froh, solch einen Fundus zu besitzen wie die der Volkshochschule entwachsene Theatergruppe "Schaubühne". Und eine Dorothea Meert . . .
"In erster Linie spiele ich ja gerne Theater . . .". Doch längst hat sich die Lust "an allem, was mit dem Theater zusammenhängt" verselbständigt. Im Laufe der Jahre wurde Dorothea Meert zur Kostümbildnerin der Gruppe, Maske inbegriffen. Sie entwirft, schneidert, ändert: "Seit 1980 kostü- mieren wir uns selbst. Die Stücke zu spielen war eigentlich nie ein Problem. Doch es war immer relativ schwierig, an entsprechende Kostüme zu kommen. Der Zeitaufwand für die Suche war riesig. Das Ergebnis oft bescheiden."

Bis zu 200 Mark am Tag

Dorothea Meert hat viel Erfahrung: "Wir haben versucht, die Sachen von den Staats- und Landestheatern zu bekommen. Doch die waren meist recht unwillig und heute machen sie es mangels Personal eigentlich gar nicht mehr. Auch andere Bühnen, zu denen wir private Kontakte hatten, liehen nur äußerst ungern aus. Was ich heute gut verstehen kann. Und bei einem Kostümverleih kostet so ein Stück gleich so 150 bis 200 Mark am Tag. Bei einer Produktion mit 20 Leuten ist das nicht bezahlbar."

Aus der Not wurde so die Kostümbildnerin Dorothea Meert geboren. Zunächst waren es nur die Änderungsarbeiten, die sie an den ausgeliehenen Stücken vornahm. Die handwerklichen Kenntnisse hat sie aus dem Elternhaus, "ansonsten nicht gerade eine Theaterhochburg", mitgebracht, dem Modeatelier der Mutter, einer Schneidermeisterin und Modezeichnerin, Da klingt es schon fast naheliegend, daß Dorothea Meert bald angefangen hat, Kostüme selber zu entwerfen und zu nähen.

Für Ullrich von der Mülbe, gegenwärtig Regisseur der "Schaubühne", war weniger der Umstand, daß sie vielleicht die einzige bei der Gruppe war, die etwas vom Schneidern, Nähen und Kostümen verstand, für diese Entwicklung verantwortlich: "Sie ist einfach begabt zur Umsetzung. Aus der Vorstellung von einem Kostüm auch ein Kostüm zu machen, das ist nicht jedem gegeben,"

Schuhe sind Mangelware

Logisch, daß die erarbeiteten Kostüme nach den Produktionen dann auch aufgehoben wurden. Daneben hat Dorothea Meert begonnen, auch Kleidung zu sammeln. Ausgefallene Stücke, die man nicht unbedingt zu Hause hat, aber sicher mal brauchen könnte, hat sie gehortet: "Vor allem Schuhe - junge Leute haben heute i meist nur noch Turnschuhe." Gelandet sind die Sachen zu Hause, Doch als im "Kostümhaus Meert" die Kleider und Kostüme nach Keller und Hobbyraum auch schon aus der Garage quollen, war Schluß. In Kisten wurden die Sachen bei den etwa 30 Mitgliedern der Gruppe umverteilt.

Doch die Lösung war unpraktisch, Eine komplette Besetzung optimal einzukleiden, wurde zur strapaziösen Marathonsuche, In der Spielzeit 1991/92 hat der Schaubühnen-Fundus dann aber in einer Sindelfinger Schule seinen Platz gefunden. Ganz stilecht direkt hinter der Bühne der Aula geht es eine schmale Wendeltreppe hinab in Dorothea Meerts Kellerreich. Im spärlichen Licht verteilen sich Requisiten, Schwerte, Helme, Hüte, Schuhgerippe bizarr im Raum.

Aber hunderte von Kostümen, darunter allein an die 500 Kleider, reihen sich in zwei Ebenen übereinander. Überal liegen Stoffreste verschiedenster Couleur und Muster. "Es lohnt sich, den vorhandenen Sachen durch Veränderungen eine neue Zuteilung zu geben. Passende Stoffe, um auch mal nachträglich einen Hut oder eine Tasche zu fertigen, finden sich Jahre später nicht so leicht." Katalogisiert sind die Teile nicht.

Perfekte Ordnung im Kopf

Die perfekte Ordnung herrscht nur in Dorothea Meerts Kopf. "Nach einer Produktion müssen wir am späten Abend immer gleich recht schnell raus aus dem Theaterkeller. Dann landet alles recht un- sortiert hier." Das spätere Aufräumen ist meist schon die erste Vorbereitungsphase für die nächste Produktion. Denn bereits beim Lesen des Stücks entstehen erste Bilder, Vorstellungen von Farben und Stilrichtungen. "Am liebsten entwickele ich gedanklich eine Farbpalette. ein Farbkonzept für das gesamte Stück."

Dieses gedankliche Bild ist schon ein innerer Blick in den Fundus. Was ist da, was kann man verändern, was braucht es dazu? Vor allem viel Arbeit und Zeit. Es gilt, in Resteläden und Stoffabriken die Materialien zu beschaffen. Für Hüte hat Dorothea Meert ihre gehüteten Adressen. Schuhe sind immer ein Problem, denn sie sind teuer.

Ständiger Spagat

Es ist überhaupt ein Spagat zwischen den Vorstellungen und dem finanziell wie kräftemäßig Machbaren. Schließlich gilt es, 20 bis 22 Leute einzukleiden. Dann kann genäht geschneidert und geändert werden. Etwa zwei Monate dauert es. Oft bis spät in die Nacht. Hilfe hat sie kaum. "Wer kann denn heute noch nähen?"

Der Aufwand ist beträchtlich vor allem wenn sie selbst, so ganz nebenbei, auch noch eine Rplle darstellerisch zu erarbeiten hat. Das "bißchen" Haushalt stört da schon gewaltig. Der Spaß an allem rings um das Theater wiegt es auf: "Wenn das Bild am Schluß im Ganzen stimmt und wirkt".

Ständig steht sie deswegen in Rücksprache mit dem Regisseur, ständig wird die Arbeit neu überdacht und neu abgesprochen, ständig werden neue Kompromisse tragbar gemacht. "Regie, Bühnenbild und Kostüme sollten eine Dreifaltigkeit bilden, möglichst eng ineinander greifen. Kostüme können Akzente ausdrücken, aber sie müssen harmonisch im Einklang mit der Regieauffassung einhergehen. Sie sollen die Anlage der Charaktere unterstützen, aber nicht dominieren und die Person, die Rolle überstrahlen. Das Kostüm darf nie im Vordergrund stehen."

Eine Maxime, die sich Dorothea Meert auch für ihre Person zu eigen macht. Ihre größte Herausforderung? "Jedes Stück ist eine unterschiedliche Herausforderung, auch wenn es nur ganz einfach kostümiert werden muß. Je weniger auf den ersten Blick geboten wird, um so mehr richtet sich der Blick aufs Detail."