„Ich bin noch verliebter als verfressen"
Schaubühne Sindelfingen inszeniert Marivaux' „Wankelnut der Liebe"
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M it „Wankelmut der Liebe" von Pierre Carlet de Marivaux zeigt die Schau­bühne Sindelfingen ein französisches Lust­spiel aus dem Jahre 1723. Regie führt erst­mals Jürgen von Bülow. Er lehrt nicht nur an der LAZI-Akademie in Esslingen Dra­maturgie, sondern sammelte auch schon als Schreiber für Marienhof und Tigerenten­club Erfahrungen beim Fernsehen.
VON GREGOR PORENTA
„So kenne ich beide Seiten. Vom Fernsehen habe ich gelernt, mich immer zu fragen, wie es für den Zuschauer wirkt. Im Theater sind viele zu sehr auf die Inszenierung fixiert", kommentiert von Bülow sein Schaffen. „Mich interessiert es, Gefühle mit einfachen Bildern zu zeigen."
Hierzu wählte er ein Stück, in dem ein Liebespaar auf die Probe gestellt wird. Die einfachen Leute Arlequin und Silvia sind ein glückliches Paar, bis ein Prinz das Mäd­chen kennenlernt, sich in sie verliebt und sie auf sein Schloss entführt, um ihre Liebe zu gewinnen. Mit Hilfe des Dieners Trivelin, der koketten Lisette und der intriganten Flaminia versucht er, Arlequin ein anderes Mädchen und ein Leben in Luxus schmack­haft zu machen, damit dieser sich von Silvia trennt.
Arlequin und Silvia sind anfangs entsetzt und stellen sich stur. Doch allmählich be-
ginnen sie zu schwanken und ihre eigene Liebe zu hinterfragen. Mehr und mehr fühlt sich Arlequin zu Flaminia hingezogen und Silvia merkt, dass ihr ein junger Offizier, der in Wirklichkeit der Prinz ist, mehr be­deutet, als sie sich eingestehen will. So spinnt sich langsam aber sicher das Netz aus Lügen und Intrigen immer dichter.
„Wir alle sind verführbar, wir alle sind käuflich", sagt von Bülow. Keine der Figu­ren ist eindimensional. Alle sind sie liebens­wert und schwach, ehrlich und durchtrie­ben zugleich: Das kokette Mädchen Lisette (Katrin Schwarz), die in ihrer Eitelkeit ver­letzlich wird; der zu Beginn blass Wirkende Prinz (Volker Bönisch), der gegen Ende durch seine wahre Liebe an Größe gewinnt oder die intrigante Flaminia (Gisela Samesch), die sich ungewollt in ihr Opfer ver­liebt. Und natürlich Arlequin (Frithjof Künzel), der sich anfangs allen Versuchun­gen widersetzt („Ich bin noch verliebter als verfressen"), aber dann doch schwach wird, und die natürliche Silvia (Belinda Grimm), die nicht so unschuldig ist, wie sie anfangs erscheint: „Wenn der Offizier nun der Prinz wäre, dann könnte ich Arlequin sagen, dass ich ihn nicht als Liebe wählen würde."
Allen Schauspielern gelingt es, diese ent­gegengesetzten Charakterzüge deutlich zu machen. Sie zeigen die Figuren in all ihrer Menschlichkeit, mit ihren guten und ihren schlechten Seiten. Um von diesem Wesent-
lichen nicht zu sehr abzulenken, ent­schied sich von Bü-low bewusst für ein schlichtes Bühnen­bild ohne große Ef­fekte. Durch das Spiel der Akteure fällt es dann auch nicht mehr auf, dass durch die Kostüme das Stück im 18. Jahrhundert spielt. So kann sich der Zu­schauer selbst ent­scheiden, sich in eine andere Zeit versetzen zu lassen oder das Thema für sich in die heutige Zeit zu über­setzen.
„Die Figuren sind nicht böse", sagt von Bülow, „sie lügen meist nur, um etwas zu erreichen, weil sie
es nicht direkt sagen
Lisette (Katrin Schwarz, hinten) sät Zwietracht bei Silvia (Belinda Grimm)
Foto: Winkler
können. Ein ,Ich liebe
Dich' im falschen Moment und schon ist. es vorbei. Das hat sich bis heute nicht ver­ändert. "
Premiere ist heute um 20 Uhr im Theater-
heller Sindelfingen, Vaihinger Straße 14. Weitere Aufführungen sind von 4. bis 6. Juni, am 8. Juni und von 10. bis 13. Juni.
Karten hierzu gibt es beim i-Punkt in Sin­delfingen unter Telefon (0 70 31) 94-325 oder 94-777.