Stuttgarter Zeitung vom 25. November 2005
KREIS BÖBLINGEN
Stuttgarter Zeitung Nr. 273
Seitensprünge als Thema für das Theater
Premiere bei der Schaubühne
SINDELFINGEN. Kann eine „offene Ehe" funktionieren? Wer die Sicht des Nobel­preisträgers Dario Fo wissen will, der besuche den Theaterkeller in Sindelfin­gen. Dort hat heute sein Stück „Offene Zweierbeziehung" Premiere.
Von Petra Mostbacher-Dix
„Bravo! Der eine verlässt Familie und Kinder und beginnt Extremsport zu betreiben, der nächste lässt seinen Job sausen und eröffnet eine Sushibar, der dritte eröffnet einen Swin-gerclub für den Eigenbedarf! Und an all dem ist die Politik schuld!" Antonia hat genug von den fadenscheinigen Ausreden, die ihr Mann Giovanni für seine Seitensprünge an­bringt. Und der gibt es denn auch zu, dass ihn vor allem die Lust, jemanden flachzule­gen, antreibt, was wiederum Antonia mehr­fach in Selbstmordversuche treibt.
Natürlich nicht in Wirklichkeit. Antonia und Giovanni heißen im wahren Leben Gi­sela Samesch und Karsten Spitzer, und sie proben auf der Bühne des Theaterkellers in der Vaihinger Straße 14 die „Offene Zweier­beziehung". Die bitterböse Komödie von Lite­ratur-Nobelpreisträger Dario Fo und seiner Frau Franca Rame aus dem Jahr 1983 ist von Dorothea Meert für die Schaubühne Sindel­fingen inszeniert worden. „Seit ich es Ende der 80er Jahre sah, war ich fasziniert von dem Stück", so die Regisseurin. „Durch seine Dichte und Kompaktheit ist es nicht einfach. Es ist ein ernstes Thema, das mit einem ironischen Unterton präsentiert wird. Wenn man nicht aufpasst, kann das schnell abglei­ten." Abgeglitten ist dem Schaubühnenteam - das 1973 gegründete Ensemble aus ausge­bildeten Schauspielern und Amateuren wird nun von Rainer Wolf geleitet - freilich nichts. Samesch und Spitzer liefern sich spitzfindige Wortgefechte.
Das ist keine leichte Aufgabe, zumal die Protagonisten in verschiedenen Zeiten agie­ren müssen. So wird die Farce im Rückblick
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Mit viel Schwung und Witz zeigt die Schaubühne Sindelflngen, was in einer problematischen Paarbeziehung passieren kann, Foto Weise/factum
erzählt. Fast wie im brechtschen Theater schlüpfen Antonia und Giovanni im Nachhi­nein in die verschiedenen Geschehnisse ih­res Ehelebens. Das ist eben - wie der Titel schon sagt - geprägt von der offenen Zweier­beziehung. In die wird Antonia von Giovanni gedrängt, um dem „täglichen Einheitsbrei" der Bürgerlichkeit zu entkommen. Sie akzep­tiert, kann aber zunächst nicht damit umge­hen, dass ihr Mann mitunter mehrere Ge­liebte gleichzeitig hat. Sie leidet, bis sie, auch angeregt von ihrem rappenden Sohn Roberto, sich neue Ziele sucht. Sie verändert
sich äußerlich wie innerlich. Am neuen Ar­beitsplatz lernt sie einen Professor (Mario Fischer) von Euratom kennen und lieben. Das ist zu viel für Giovanni, den betrogenen Betrüger, zumal der Atomwissenschaftler nicht nur Ende 30 und sieben Kilo leichter ist als er, sondern auch noch Rockmusiker. „Die offene Zweierbeziehung funktioniert offensichtlich nur, wenn sie zu einer Seite hin geöffnet ist, zu der Seite des Mannes. Sobald sie sich jedoch auch zur Seite der Frau öffnet, entsteht Durchzug!", stellt da­rauf Antonia sarkastisch fest.
Eine Abrechnung mit der Männerwelt? Sicher haben Fo und Rame in ihrer Farce ein einst viel propagiertes Beziehungsmodell so­wie die Emanzipation unter die sozialkriti­sche Theaterlupe genommen. Aber es geht ihnen um die Basis einer Beziehung, um Kommunikation. Und das versteht die Schau­bühne mit Schwung, Witz und Tiefe zu vermitteln. Die Premiere beginnt um 20 Uhr.
Weitere Vorstellungen am 26. November und am 1., 2., 3. und 4. Dezember. www.schaubuehne-sindelfingen.de