Kreiszeitung Böblinger Bote vom 26. November 2005
Samstag, 26. November 2005
KULTUR
Nummer 274
21
Schaubühne Sindelfingen zeigt Dario Fo im Theaterkeller
Bilderbuch-Macho kriegt sein Fett ab
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Sindelfingen - Eine außerordentlich sehens­werte Aufführung von Dario Fo's „Offene Zweierbeziehung" bietet die Schaubühne Sindelfingen im Theaterkeller.
VON ANNA J. DEYLITZ
Dario Fo hat die Nachricht von der Aus­zeichnung mit dem Nobelpreis zunächst nicht glauben wollen. Zu viel Ärger hat er gehabt mit seinen Stücken, die er oft wie auch hier mit seiner Frau und Gegenspielerin Franca Rame geschrieben hat, zu sehr gegen den Strich ist er gebürstet. Die Stücke sind boulevardesk, aber nicht auf die schöne und reiche Weise des klassischen Boulevard. Fo/Rame haben es mehr mit den kleinen Leuten, mit den gesellschaftlich weniger akzeptierten, mit dem alltäglich-banalen, und so gelingt es ihnen fast immer, dem Zu­schauer in seinen Stücken gute Bekannte, Freunde, ja gar sich selbst vorzuführen. Seine Stücke, von der Commedia del arte stark beeinflusst, sind allemal unterhaltend.
„Offene Zweierbeziehung" in einer Ehe. Wer mag sie wohl vorgeschlagen haben? Natürlich der fremdgehende Ehegatte! So auch hier. Anfänglich macht die liebende Gattin duldend mit, mit zahlreichen Selbst­morddrohungen und -versuchen, aber ohne wirklich das „Bäumchen-wechsel-dich-Spiel" mitzuspielen. Aber bei immer weiter ausufernden Anforderungen ihres Gatten, der sie zu guter Letzt um den-kleinen Gefal­len bittet, mit der sehr jungen Geliebten zwecks Verhütungsberatung den Frauenarzt
aufzusuchen und sie so in die Mutterrolle drängt, hat sie irgendwann genug. Auszug der Geplagten in eine eigene Wohnung, neue Klamotten, Jogging und eine neue Figur, ein neuer Beruf, ein neues Leben und ein neuer Lover (?) sind die Folgen. In letztere Rich­tung offen hatte sich der nun sehr gekränkte Ehegatte die Beziehung nun aber gar nicht gedacht - und ist froh, als sie diesen bereits in blühenden Farben geschilderten strahlen­den Lover wieder zurücknimmt. Bis... Es soll nicht alles verraten werden, jedenfalls endet das Ganze in einer wunderhübschen Szene.
Wie bei Fo üblich, wird nicht nur agiert, sondern die Protagonisten treten immer wie­der aus der Rolle heraus und kommentieren, was gerade passiert, wortwitzig, treffsicher, bissig, brillant. Das muss man können, muss bei den vielen Dialogen die Bühne füllen und die vielen „Einlagen" gut einstudieren. Das vor allem ist der Regisseurin Dorothea Meert auf hervorragende Weise gelungen. Voraus­setzung dafür allerdings sind die Schauspie­ler, die mit ungeheurer Spielfreude, großem Einsatz und - in diesem Fall noch wichtiger -mit großem Können diese Rollen füllen. Kar­sten Spitzer gibt den Mann mit großer Selbstverständlichkeit, rettet die selbst­mordversuchende Gattin fast gelangweilt, gibt sich stets „cool", hält seine Forderungen für normal und gerät in spielerische Hoch­form, als die Gattin gleiche Rechte bean­sprucht. Er spielt diesen Typen nicht, er ist „der Mann".
Gisela Samesch zeigt sich in dieser Rolle in Hochform. So gut hat man sie noch nicht
Premiere: Die Schaubühne Sindelfingen mit Dario Fo's „Offene Zweierbeziehung" im Sindelfinger Theaterkeller              Foto: ajd
gesehen. Ein bisschen kittelig-farblos muss sie anfangen, so dass man schon fast Ver­ständnis für den Ehemann fühlt, aber dann legt sie los, wird kapriziös, hübscher, selbst­sicher, kurz, sie enteilt ihrem seitenspringenden Gatten mit großen Sprüngen. Fast kommt im Zuschauerraum Häme auf, dass sie es diesem Macho endlich zeigt. Über den dritten Schauspieler (Mario Fischer) ist nicht
viel zu sagen, aber auch er füllt seine Rolle blendend aus. Dass Licht und Ton klappen, die Bühne hübsch gestaltet ist, das muss bei diesen Profis nicht eigens erwähnt werden und dass der Text komplett sitzt, ist eine außerordentlich erfreuliche Nebenerschei­nung.
Wer Spaß an witzigen Dialogen hat und an den Merkwürdigkeiten des Ehealltags, hat
dazu am heutigen Samstag, 26. November, und am kommenden Wochenende 2., 3. und 4. Dezember Gelegenheit. Die Vorstellung am morgigen Sonntag, 27. November, fällt aus, sie wird auf Sonntag, 4. Dezember, ver­schoben werden.
Karten gibt es beim i-Punkt Sindelfingen, Marktplatz 1, oder unter Telefon (0 70 31) 94-325 und 94-777.