Dienstag, 5. März 2002
Sindelfingen: Die Schaubühne zeigt Oscar Wildes „Ein idealer Gatte" im Theaterkeller
Nur kurz flackert das Feuer
Von unserem Mitarbeiter Ulrich Holthausen
wird der Zuschauer, nach After Eight am Einlass und Kammermusik aus dem Hinter­grund, mit dem aufgehenden Vorhang in ein Stilleben der Jahrhundertwende einge­blendet.
Oscar Wilde hielt seinen „idealen Gatten" für sein bestes Stück. Eine politische Satire und eine Gesellschaftskomödie, ganz im Stil des französischen Intrigenstückes. Mit Rän­ken, Verwechselungen und Missverständ­nissen. Die Dramaturgie läuft durch jede Szene und vor allem jedes Satzgefüge kreis­rund: Gesellschaftskritische Aphorismen, so elegant und brillant formuliert, dass sie gar nicht mehr hinterfragt werden. Heiter ef­fektvoll ersetzen sie menschliche Substanz. So sind auch die Darsteller der Schaubühne so amüsant, dass sie kaum noch real sind.
Doch diese Text- und Spielgeflechte sind schwierig. In ihrem Wortkonstrukt theori-sierend versprühen sie Lebendigkeit nicht von selbst. Und in ihrem Sturmlauf verhed­dern sich die unterschiedlich starken Akteu­re der Schaubühne dann schon mal in künstlicher Gestelztheit. Oscar Wildes Cre­do wird nicht mehr greifbar gemacht. Die Satire lebt nicht. Ohne die sprachlich ausge­wogene Brillanz aber fehlt den geschliffe-
nen Dialogen der Glanz. So schafft es Bernd Steinhart, als Sir Robert Chiltern angeblich der ideale Gatte, trotz gutem Spiel eben nicht die verschiedenen Gefühlslagen zwi­schen Wut, Verzweifelung und Selbstmitleid gleich stark auszudrücken oder immer den nötigen körperlichen und stimmlichen Ein­klang zu finden. Sein weiblicher Gegenspie­ler, Mrs. Gheveley Gisela Samesch, spielt sich hingegen auf der Emotionsebene aus. Und Helmut Degen ist vorallem ein Meister auf der Bonmot-Wiese. Der durchgehende Glanzpunkt ist aber sicher das Spiel von Karsten Spitzer (Lord Goring).
Stück fordert seinen Tribut
Und dann in der kleinen Rolle als Butler Norbert Adametz. Selbst der Winkel der an­gedeuteten Verbeugung ist perfekt. Eifrig bemüht sicherlich, flackert das Lebensfeuer des Stücks aber nur kurz nach der Pause so richtig mitreißend auf. Ansonsten fordert die Brillanz des Stücks immer wieder seinen Tribut von den Amateurdarstellern.
Überfordert suchen sie die Sache sauber über die Bühne zu bringen. Das gelingt, doch die Szenen wirken dann oft nur ange­rissen, bemüht aber unaufgeregt, und auch ein wenig müde. Fad und ohne Pfiff - wie ein idealer Gatte eben.
Mit einer eleganten und bewusst klas­sischen Inszenierung präsentiert die Sindelfinger Schaubühne seit dem Wochenende Oscar Wildes politische Gesellschaftssatire „Der ideale Gat­te". Doch mit einem Spiel der brillan­ten Formulierungen hat man sich selbst auch eine hohe Hürde gestellt. Der Sprung gelingt nicht problemlos.
Insidergeschäfte, Börsenspekulationen und Karriere, die Verknüpfung von Politik und Hochfinanz, das ist zweifellos aktuell, zeitlos eben. Auch in der Darbietung der Schaubühne. Aber Rainer Wolf ist in seiner Inszenierung des 1895 veröffentlichen Stücks elegant der Gefahr dieser Aktualität ausgewichen.
Das Rüberbringen, was Oscar Wilde ge­meint habe, formuliert der Regisseur sein Ziel und hat sich für einen werkgetreuen In­szenierungsansatz entschieden. Das doku­mentiert das von wenigen Antiquitäten skiz­zierte Bühnenbild und manifestiert sich in Dorothea Meerts' schönen Kostümen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Stilecht
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Im Sindelfinger Theaterkeller zu sehen: Oscar Wildes „Ein idealer Gatte". Weitere Termine: kommenden Freitag, Samstag, Sonntag und Montag, jeweils 20 Uhr. Bild: Stampe/A