Mittwoch, 1. August 2001
KULTUR
Shakespeares „Romeo und Julietta" im Serenadenhof
Wenn Nachttöpfe der Tragödie die Schau stehlen
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Sindelfingen - Am Samstag hatte „Romeo und Julietta" im Serenadenhof Premiere. Zum ersten Mal standen die Schaubühne und die Willy-Reichert-Bühne/Theater-Ensemble gemeinsam in einer Kopro-duktion auf der Bühne.
VON FRANZISKA SCHRÖDER
Als Theaterkulisse eignet sich der Serena­denhof in der Altstadt besonders gut. Vor­ausgesetzt man bezieht die Fachwerkhäuser mit ein und wird ihrem alten Charme nicht ungerecht durch eine moderne Inszenierung. Gerade dies hat Regisseur Dieter E. Hülle be­achtet. Im klassischen Stil ließ er Shake-
speares Liebende in der Übersetzung von Christoph Martin Wieland ihr Schicksal er­leiden. Zum Anfang des Stücks aber wurden die Zuschauer vor den Serenadenhof ge­beten. Die erste Begegnung des Publikums mit den beiden verfeindeten Familien Montague und Capulet fand genauso auf offener Straße statt wie der erste Einblick in die Auseinandersetzung zwischen den beiden Familien aus Verona. Begleitet von gut ge­spielter Akkordeonmusik (Sergej Riazanov) durften die Zuschauer zurück auf ihre Plätze und weiter eintauchen in die Welt vor über 200 Jahren, als Wieland „Romeo und Juliet­ta" ohne Reim übersetzte.
Um Shakespeare Genüge zu tun oder einen Einblick in seine eigene Sprache zu geben, trug Sarah Kupke die Sonette des Chorus wunderschön auf Englisch in der Shakespearschen Version vor. Dann machte das Publi­kum Bekanntschaft mit Romeo, Julietta, ihren Familien und all den anderen, die an der Tragödie des bekanntesten Liebespaares teilhaben. Viel Liebe zum Detail ließ sich in dieser Inszenierung feststellen. Die beiden verfeindeten Familien ließen sich durch farb­liche Abstimmung ihrer Kostüme unterschei­den. Die Capulets in vorwiegenden Blau­tönen, die Montagues in Gelb/Braun. Außen­stehende wie Escalus, der Fürst von Verona (Dieter Krähling) oder Donna Vitruvia (Gi­sela Schimmelpfennig) waren in andere Far­ben gekleidet, wie auch Romeo und Julietta, die sich schon in ihrer Kleidung von ihren rivalisierenden Familien absetzten. Auch der Alltag einer solchen Familientragödie fehlte nicht. Das Leeren des Nachttopfes oder eines Putzeimers stahl kurze Zeit den Schauspie­lern die Schau. Doch alle Akteure verstanden es, die Zuschauer in ihren Bahn zu ziehen. Die Väter Capulet und Montague (Frithjof Künzel und Karl-Heinz Konrad) wirkten ab­gehalftert und hinkten leicht; deutliche Spu­ren der langen und heftigen Kämpfe mit ihren Rivalen. Juliettas Mutter (Astrid Rein-
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Achim Fuchs (links) als Romeo und Jessica Kordulla als Julietta in der Aufführung im Serenadenhof KRZ-Fotos: Thomas Bischof
hardt) war ganz und gar ein hohe und edle Dame. Kühl und distanziert, sogar ihrer Tochter gegenüber. Benvolio (Axel Finkein­burg), Mercutio (Ted Steffen Vogt), Romeos Freunde, und Tybalt (Rainer Wolf), ein Neffe Lady Capulets, zeigten überzeugend ihre Rolle als reiche, junge Müßiggänger, die kei­nem Kampf aus dem Weg gingen. Sehr über­zeugend und für einige Lacher gut war auch die Amme Juliettas (Sabine Duffner). Sie war ganz eine Bedienstete, die sich auch ihrer Herrschaft gegenüber einiges herausnehmen konnte. Pater Lorenzo (Rolf Welz, der Älteste der Theatertruppe) spielte auch gekonnt die
Rolle als Romeos und später auch als Juliet­tas Vertrauter und Mitwisser des Verhältnis­ses. Die jüngsten Akteure spielten auch die jüngsten Figuren im Stück selbst. Julietta (Jessica Kordulla), bei Shakespeare erst 14 • Jahre jung, wirkte teilweise ein wenig zu frech, aber brachte ihre Liebe zu Romeo und das damit verbundene Leid selbstsicher und gekonnt vor das Publikum. Romeo (Achim Fuchs) stand ihr in seinem Können in nichts nach. Sogar die Duellszenen, die bei Laien­theatern oft linkisch wirken, waren gut ein­studiert und ausgeführt. Ein wenig unpas­send war der Hochzeitsmarsch, der die heim-
liehe Hochzeit Juliettas mit Romeo und die geplante Hochzeit des Grafen Paris (Mathias Baier) mit Julietta andeutete. Wie die im Programm geschriebene „Bemerkung zur Inszenierung" fragt „Wollen wir unsere Gästen auf der Zuschauertribüne dermaßen bevormunden, dass wir ihnen das selbstständige Denken abnehmen?", so war es in diesem Fall schon zu viel. Weitere Aufführungen finden am 1., 3., 4., 5., 8., 10., 11. und 12. August, jeweils 20 Uhr, im Serenadenhof oder bei schlechter Witterung im Theaterkeller statt.
Die legendäre Balkonszene