Sindelfinger Zeitung vom 25. März 1969


Ein Spiel von hohem dichterischen Rang

15 Jahre VHS-Studiobühne - Aufführung "Ein wahrer Held" von J. M. Synge

Rund 80 Zuschauer im Saal der Johannes-Wiedmann-Schule in Maichingen am Samstagabend, rund 200 im abgeteilten Großen Saal der Sindelfinger Stadthalle am Sonntagabend, das war die Ausbeute. Dafür hat man drei Semester lang geprobt, Woche für Woche einen Abend geopfert, von den Stunden des Rollelernens zu schweigen. Lohnen sich Mühe und Anstrengung? Man würde zu viel Idealismus voraussetzen, wollte man den Akteuren der VHS-Studiobühne nachsagen, es käme ihnen nicht auf die Zuschauer an; man würde ihnen ebenso wenig gerecht, wollte man annehmen. sie mühten sich ausschließlich für ein großes Publikum. Sei es die Lust an der Verwandlung, der Ausgleich gegenüber dem schleifenden Alltag, sei es der Trieb zu künstlerischem Tun, wie es ihn in vielerlei Gestalt gibt, der Hang zu persönlichster Entfaltung, um den Rest des angelegten Schöpferischen im begrenzten täglichen Gleichmaß so gut wie möglich zu nutzen, was immer es sei, im Schauspielerischen wie in jedem Hobby lebt der Mensch ein weites Stück sich selbst.

Gewiß, es ging nicht um das große Publikum; dennoch muß man angesichts dieser Aufführung schlicht bedauern, daß der Rahmen sich nicht weiter spannte. Zum Stück von John Millington Synge haben wir im Vorbericht gesagt, was zu sagen war; seine Wahl nuß man heute denkbar glücklich nennen. Hier fand der gehobene Laie, was er brauchte: ein Spiel von dichterischem Rang, hätte sich sonst ein Autor wie Heinrich Böll, dessen. "Irisches Tagebuch" eine Perle poetischer Volks- und Landeskunde ist, an die Übersetzung gemacht und eine so fröhlich-derbe, hintersinnige Volksballade in sprachlich so brillanter Weise wieder aufleben lassen; und hier begegnete er einer Versammwng urwüchsiger Typen, die konträre Verwandlung zulassen und vor allem der glatten Zivilisiertheit unserer Tage zu entgehen erlauben. Was für ein Wagnis, einen Mörder nicht nur zum Helden zu machen, sondern buchstäblich zur Inkarnation geheimster Sehnsüchte einer hungernden Volksseele, hungernd nach dem Außerordentlichen. In Westirland ist Europa zu Ende. Was in der Flachheit von Meer und Moor und Heide, im Siedlungsraum von Meilen nicht sein kann, das Große und Bewundernswerte, sieh, es kam. Dazu fand Synge nicht nur die Pointe, daß es schließlich das ersehnte Außerordentliche auch nicht war, sondern die, daß der Vatermord unter aller Augen dann doch geschah, nun aber mit dem Galgenseil quittiert worden wäre, wenn der alte Mahon den zweiten Schädelhieb nicht auch überlebt hätte. Zum dritten Anlauf kam es nicht, denn jetzt zogen Vater und Sohn in bitterer Eintracht in die irische Welt, mit dem Sohn als Meister; und so war der längst entlarvte "Held" zu guter Letzt doch noch zum "wahren Helden" ge- worden.

Der alte Mahon, der dann, wenn die Dinge brenzlig wurden, sich getrost das Siegel des Verrückten anhängte, wurde von Alfred Braig, Gast aus dem Lager professioneller Bühnenkunst, mit kraftvoller wie geschmeidiger Urkomik feinsäuberlich herausgezimmert, daß es eine Freude war. An Ausdruck erdnaher Urwüchsigkeit war ihm vergleichbar der Schankwirt, in dessen Gastraum alle drei Akte spielten. Norbert Adametz ist die Fähigkeit eigen, der Absonderlichkeit eines Charakters Gestalt zu geben. In die Rolle des Schankwirts, der den Stoffen seines Gewerbes selbst sehr zugetan war, begab er sich mit wahrer Lust und zeigte im dritten Akt einen betrunkenen Heimkehrer und gleichwohl unvermeidlichen Herrn der Lage in einer glänzenden Studie. Seiner energischen Tochter Pegeen Mike, die das Heft in der Hand liebte und die Haare Rainer Wolf und Dorothea Meertauf den Zähnen, gab Dorothea Meert menschliche Züge; und da es doch auch, wie denn nicht, um Liebe ging, tat ihr Liebreiz in der kräftigen Rolle dem Zuschauer ausgesprochen wohl. Bei ihr war der übergang vom schauspielerischen Bewußtsein zur tatsächlichen Aktion am reibungslosesten; Dorothea Meert lebt, was sie spielt. Sprache und Sprechfähigkeit sind beglückend rein.

Der "wahre Held" klammerte sich nicht an sie aus Berechnung; er liebte und suchte in ihrer Liebe die erfahrene Bestätigung seines Wertes zu zementieren. Seine Rolle als banger Mensch, der langsam seine erhobene Persönlichkeit als solche empfindet, als zweifelnd Liebender, als Einfältiger gleichwohl, als zornmütiger Aufbegehrer war nicht leicht; und da wir den Werdegang von Rainer Wolf bei der Studiobühne verfolgt haben, müssen wir die große Steigerung in dieser Aufführung hervorheben. Die Rolle lag ihm. So adäquat in wechselndem Gesichtsausdruck, in Gestik und Spielbewegung gelang ihm eine Partie nicht immer wie mit diesem Christy Mahon: eine auch sprachlich sehr gute Leistung. In die Fänge der Witwe Quin geriet er nicht; Ruth Schröder spielte mit angemessen spröder Routine jenes verhalten gierige Weib. Wie sie sich um den "wahren Helden", bemühte sich ein junger Bauer um die Wirtstochter. Hier überraschte die Fähigkeit eines Laien, der beruflich noch dazu mehr mit Mathematik als mit Dichtung zu tun hat, einen halbintelligenten linkischen und dennoch nicht abzuwimmelnden, schüchternen Draufgänger darzustellen; Leo Nefiodow mimte das erfreulich überzeugend. In den Rollen zweier kleiner Pächter sahen wir Michael Strehle und Alexander Ammann, Mädchen vom Dorf wurden dargestellt von Isolde Schek, Anneliese Ritzhaupt, Sieglinde Weiß. Hier trete das Pauschalurteil der überraschenden Spielqualität, die in Einzelszenen jener der Hauptfigureri nicht nachstand, an die Stelle der Würdigung. Frau Tordis Ludwig-Haass, unter deren Leitung die VHS-Bühne bisher am fruchtbarsten arbeitete, hat mit dieser Aufführung einen ausgesprochenen Erfolg ihrer Arbeit zu verzeichnen, der sich vor allem auch durch die rein schauspieltechnische Steigerung des Ensembles ergab.

Immer hatte die Studiobühne nicht unbedeutende Anstrengungen zu machen, wenn es um das Bühnenbild ging. Zum erstenmal hat eine andere Kursgemeinschaft der VHS diesen Teil der Aufführungsvorbereitung übernommen. Im Mal- und Zeichenkurs der Goldschmiedin und Formgestalterin Gertraud Hintze entstand unter Mitarbeit von Rolf Lothar Lipinsky und Karl-Heinz Renner (Herrenberg) der Bühnenbildentwurf, Schankstube mit Herd, Tisch und Wandbank, Regalen und Bildwerken; das Ausmalen der Kulissen besorgte M. Gebhardt. Wir hatten angesichts dieser Gesamtleistung nur Lobendes zu sagen; und auch damit sei nicht hinterm Berg gehalten: das Publikum verstand zu würdigen, was hier vorgegangen war, und applaudierte stürmisch und anhaltend.

Rolf Holländer