Sindelfinger Zeitung vom 4. April 1968


Eine Lust, zu spielen und zu gestalten

Die Studiobühne der Volkshochschule spielte den "Kreidekreis" von J. v. Guenther

(ho) - Wir haben wieder einen Theaterabend mit der VHS-Studiobühne erlebt. Der ersten Aufführung am vergangenen Samstag in der Turn- und Festhalle Maichingen folgte am Sonntag im abgeteilten Großen Saal der Stadthalle die Sindelfinger Aufführung. Gestern abend gastierte die Bühne im Schwarzwaldstädtchen Altensteig. Zur Sindelfinger Aufführung waren nicht mehr als rund 100 Zuschauer gekommen. Die Sindelfinger Aufführungen in den vergangenen Jahren waren im Sdnitt drei- bis viermal stärker frequentiert. Der Besucherrückgang hat sicher zunächst ganz einfach "technische" Ursachen: z. B. nahm eine verpflichtende kirchliche Konfirmationsveranstaltung einen Teil möglicher Zuschauer in Anspruch. Eine andere Ursache mag in der verhältnismäßig raschen Aufeinanderfolge von Theaterabenden zu suchen sein: "Rose Bernd" hat vor nicht langem die Theaterfreudigen bewegt, "Der Revisor" wartet schon vor der Tür, und nun sollte auch noch "Der Kreidekreis" von Johannes von Guenther attraktiv genug sein. Wer mochte im Kreise von Haupt mann und Gogol schon Johannes von Guenther sehen, namentlich wo Klabund und Brecht auch "Kreidekreise", und vielleicht von größerem Reiz, vorgelegt haben! Und auch das ist nicht von der Hand zu weisen: Das schwankende Charakterbild in der Geschichte, das alle Erscheinungen betrifft, mag im Angesicht professioneller Höchstleistungen und von Tele-Perfektionen auch Interesse und Vertrauen gegenüber einer ambitionierten Laienbühne leise, leise geschmälert haben.

Ein Grundsätzliches und Allgemeines scheint uns angebracht: In einer Zeit, in welcher der einzelne und das einzelne im allgegenwärtigen Pluralismus immer schwerer tut, Proflle zu finden und zu wahren, schwerer tut, den Aufstand des Individuellen zu proben, sind z. B. Veranstaltungen von Laientheater von unschätzbarem Wert; zumal dann, wenn Herausforderung an den Durchhaltewillen und die persönliche Substanz zum täglichen Brot des Laienspielers gehören. Das Interesse des aufnehmenden Zuschauers ist darum weit vielschichtiger als beim Durchschnittlstheaterbesucher. Selbstverständlich will auch das Interesse an der Story nicht. vernachlässigt werden. Zweitrangig ist es gegenüber dem zwar relativierten, aber dafür umso wacheren kunstlerischen Interesse: welches Niveau ist erreicht worden? Schließlich ist ein menschliches Interesse angesprochen: gewisse Ehrfurcht vor der Hingabe, vor der realisierten Lust an der Gestaltung, vor dem aufsprühenden Funken des nachvollziehenden Schöpferischen. Andersherum, mit Blick aufs Publikum: Wer sich rufen läßt vom Laientheater, gewinnt ein inneres Engagement, das über das Verkündende oder Demonstrierende des Theaters im allgemeinen hinausgeht.

Ein Besonderes, auf den gegenwärtigen Einzelfall Bezogenes sei daran angeschlossen: Die Aufführung des "Kreidekreises" war relativ vollkommen, wenn dieses Paradoxon richtig verstanden wird. Hier wurde mit letzter Hingabe, mit letztem Willen und mit letztem Ernst gemeinsam ein kleines Werk hervorgebracht, das sich sehen lassen kann. Das Erlebnis jener Beseeltheit war beglückend. Derjenige, der die prinzipiellen Schwierigkeiten von Laienbühnen kennt, mag über die Gründe dieser sichtbaren Bewegung innerer Kräfte reflektieren. Ohne Zweifel zahlt sich die langjährige, aufopferungsvolle und geduldige Kleinarbeit von Frau Tordis Ludwig-Haass aus, die das Segel straff hielt trotz aller personellen Wetterwechsel, die gerade in ihrer Zeit das Bühnenteam schüttelten. Unverkennbar aber ist nun auch geworden die besondere Handschrift ihrer begabten Schülerin, Frau Heide Kurz, die mit einem "undemokratischen" und durchaus autoritären Stil ihren "Kreidekreis" zog. Hier zeigt sich, daß werthaltige Gestaltung der festen Hand bedarf; es zeigte sich, daß die straffe und zielstrebig bewußte Leitung zu gesteigerten Leistungen emporriß. Die Schauspielerin Heide Kurz ist gegenwärtig Dozentin für musische Bildung an der Höheren Fachschule für Sozialarbeit in Stuttgart. Unter ihrer Spielleitung fand das Ensemble zu einer Gesamtleistung, die die geringe Besucherzahl einfach bedauern ließ und die Anregung nahelegt, diese Aufführung der VHS zu wiederhölen.

Außerdem ist die altchinesische Parabel von der Verstrickung der Unschuld in die menschliche Niedertracht bis zu ihrer Erlösung durch die richterliche Weisheit, die sich der Kreidekreis-Probe bedient, in der verfeinerten Bearbeitung Guenthers so bilderreich und bedeutungsvoll trächtig, so ergreifend und durch den märchenhaften Schluß gleichsam den gefangenen Zuschauer befreiend, daß auch ein jüngeres und junges Publikum aus dieser Aufführung reichen Gewinn ziehen könnte.

Zweierlei, das wir vermerken, beeinträchtigt den Lobgesang auf das Laientheater nicht im mindesten: die Feststellung, daß drei jüngere ausgebildete oder noch in Ausbildung befindliche Schauspieler das Team bereichert hatten, und ein kritischer Maßstab, der den Laien angelegt wird. Die Teilnahme der Stuttgarter Professionellen ergab sich einfach aus der Situation: zwei von ihnen sind bezeichnender Weise männlichen Geschlechts, will sagen, mit einem ausreichenden Stab an männlichen Darstellern ist die Studiobühne noch immer nicht gesegnet; auch die Damen benötigten eine Verstärkung, weniger aus Mangel an Zahl als vielmehr wegen der nicht zu erwartenden Reife der "Nachwuchs-Laienspielerinnen", die gleichwohl von der Sache her einfach gefordert ist. Diese weibliche Rolle, nämlich die Kurtisane eines jungen verlotterten Chinesen aus gutem Hause, Munglan, schillerte durch Birgit Clausecker hübsch bezaubernd: eine selbewußt spitzbübische Lebedame, die das Intrigenspiel so süß-giftig beherrschte wie sie zur Herstellung des Gleichgewichts allmählich ihr Herz entdeckte und entdecken ließ und auch hierin überzeugte. Auch jener Lotterbube, Tschang-lin, fand zu seinem guten Charakter zurück und schaffte seinen dreifachen Doktor gar. Beide Partien mußten trotz des Haltungswechsels glaubwürdig bleiben in der Einheitlichkeit ihrer Rollenfigur. Peter J. Kemmer stattete seinen Tschang-lin mit Gelassenheit aus, ob er sich selbstbedauernd halb weinerlich gab oder selbstbewußt als entschlossener Entführer :und Verteidiger fungierte. Auch seine sparsame Zeichnung hatte Profil und Überzeugungskraft. Eine streng bemessene, verhaltene und dabei äußerst wirkungsvolle Darstellung bot Henning Fülbier als Oberrichter Pao. Das war eine respekt- sowohl als vertraueneinflößende Hoheit, die vorab nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Milde und Weisheit in ihren Gewändern mitzuführen schien.

Fülbier hatte ein vortreffliches Pendant und Gegenbild auf der Laienseite. Man hat es oft erlebt, daß sich gerade in kleinen Parts die eigentliche schauspielerische Potenz nicht weniger erweist, eher erst wirklich entfaltet. Eine überraschend überzeugende Figur machte der unempfindliche Präfekt, der von einer Frau, Ilse Spoerer, dargestellt wurde. Ihre asketische Schmalheit, verbunden mit einer ganz persönlichen, markanten Sprachleistung, vermittelte ganz den beängstigenden Eindruck von Unnachgiebigkeit und Schärfe. Als Sekretär des Präfekten und gleichzeitig als heimtückischer Buhle der bösartig intriganten Ah-Siu bemühte sich Norbert Adametz um den Ausdruck sphinxhafter Hlntergrundigkeit. Bei seinem gelungenen Ansatz könnte er noch weitere Pluspunkte durch leichte Straffung sammeln. Einen analogen Vermerk darf man anbringen gegenüber seiner ausdrucksstärkeren Charakterzeichnung des Weinschenks: die Servilität des plumpen Wirts brauchte in Gestik und vor allem Bewegung nicht so stark ausgemalt zu werden. Bei seiner unverkennbaren darstellerischen Kraft wird Adametz noch mehr bringen, wenn er seine Mittel bewußter und gezügelter ein- setzt. Ah-Siu, die erste Gattin des Herrn Ma und unheimliche Nebenbuhlerin Haitangs, gewann Gestalt durch Doris Stehr. Sie, wie auf ihre Weise Ilse Spoerer, war die beste Sprecherin unter den Laien. Wenn sie fertigbrachte, daß man sie ob ihrer grausamen Heimtücke zum Teufel wünschte, hatte sie sich als exzellente Interpretin erwiesen; und sie erreichte mehr und mehr diese Wirkung, entsprechend der kontinuierlichen Steigerung des Spiels. Schwierigkeiten machte ihr nur das vermeintliche Erforderdernis, ihre Stimme überzustrapazieren.

Die Ambitionen Werner Brauns, der in seiner wichtigen Rolle (er gab auch den Gerichtsdiener) den Pfandleiher Ma spielte, jenen Geldmenschen, der nach chinesischen patriarchalischen Vorstellungen selbstverständlich nichts dabei fand, für gutes Geld eine zarte Menschenpflanze zu kaufen, blieben bewußt eingefügt. Mochte aber seine Kraft auch nicht zu einer durchweg überzeugenden Darstellung ausreichen, was er aus sich herausarbeitete, verdient die größte Hochachtung; hier zeigte sich eine vorbildliche Indienstnahme der eigenen Person. Ähnliche Anerkennung und ähnliche Einschränkung forderte Rainer Wolf heraus, dem die Rolle des Liu Po, des oberrichterlichen Sekretärs, des Liebhabers und Kindesvaters zugefallen war. In beiden Fällen ergaben sich die ungelösten Reste aus der Diffizilität der Rollen, die von jugendlichen Darstellern naturgemäß noch nicht leicht zu bewältigen ist. Wenn aber durch Treue Wenn aber durch Treue wettgemacht wird, was an Einfühlung fehlt, dann ist Wertvolles erreicht. Aus dem Kreis der Nebenspieler fiel uns Karin Weiß als Hebamme auf.

Dorothea MeertEs ist richtig, daß "Der Kreidekreis" mit Haitang steht und fällt, einer chinesischen Gudrun-Figur, die unverschuldet durch äußerstes Leiden geht und in märchenhaftem Glück und Frieden mündet. Postuliert man beim Berufsschauspieler, er spiele die größte Erschütterung kühl bis ans Herz hinan, so liegen in diesem Punkt Glanz und Grenze des Laientheaters. Eine Laien-Haitang muß aus dem Gefühl heraus gestalten. Das kann man nicht machen, das muß man irgendwie sein; Dorothea Meert war eine rührende und ergreifende Haitang. Mochte sie atemtechnisch und im Textablauf gelegentlich straucheln, selbst das fügte sich noch in ihre Gestaltung. Andererseits gelangen ihr in Erregungs-Passagen oder in lyrischen Darbietungen, wie etwa in der Traumerzählung des zweiten Bildes, Gestaltungen, die vergessen ließen, daß hier eine Laienspielerin sprach. Da saß keiner unter den Zuschauern, der nicht mit ihr fühlte und mit ihr litt. Sie war im besten Sinn Seele des Stücks und der Aufführung. Und hier muß man nun wohl auch ihrer kleinen Mitspielerin gedenken, der kaum vierjährigen Birgit Spoerer, die auf ihre lieblich und staunend unbefangene Weise das Ihre zum Herzschlag des Spiels beitrug.

Ein kurzes Wort zum Bühnenbild: Woher sollte eine so "kurzlebige" Laienbühne Mittel zu großen Bühnenausstattungen nehmen? Über Ausstellungswände gehängte Großmalereien, gefertigt von Ilse Spoerer, gaben die Zeichen für den Ort. Liegebett, Kastenbänke, Sitzpolster - es genügte. Wir haben uns längst daran gewöhnt, nicht im Requisit das Entscheidende oder überhaupt etwas Entscheidendes zu sehen. Originale chinesische Musik begleitete und überbrückte. Am Ende aber konnte man nicht von Achtungsapplaus sprechen; diese hundert Händepaare rührten sich lange, um alle Anerkennung, die in den Gemütern steckte, als Antwort kundzutun.